Ich beschäftige mich von jeher mit der Digitalisierung von Gesundheit. Von der kleinsten, pragmatischen Verbesserung bis hin zu den großen Fragen der Menschheit ist alles dabei.

Jetzt bin ich über jemanden gestolpert, der ganz in meiner geografischen Nähe über die großen Fragen ein Buch geschrieben hat. Da ist viel Gutes dabei – das möchte ich euch vorstellen.

Der letzte Patient? Wie KI unsere Medizin revolutioniert – und was das für uns bedeutet

Stell dir eine Zukunft vor, in der du nicht mehr zum Arzt gehst, weil du krank bist – sondern weil deine Daten anzeigen, dass du es in fünf Jahren werden könntest. Eine Welt, in der Herzinfarkte oder Stoffwechselerkrankungen verhindert werden, bevor die ersten Symptome überhaupt spürbar sind.

Klingt nach Science-Fiction? Genau diese Vision beschreibt der Mediziner und KI-Experte André T. Nemat in seinem Buch „Der letzte Patient – Warum wir in Zukunft nicht mehr krank werden müssen“. Doch während die Technologie das Versprechen einer völlig neuen Gesundheitsversorgung gibt, wirft sie gleichzeitig fundamentale ethische und menschliche Fragen auf.

Ein Blick auf die Chancen, die Gefahren und das, was die Medizin von morgen ausmacht.

1. Vom Reparaturbetrieb zur vorausschauenden Prävention

Unser heutiges Gesundheitssystem ist im Grunde ein Reparaturbetrieb: Wir warten, bis etwas kaputt geht – sei es ein Organ, ein Gelenk oder der Stoffwechsel –, und versuchen es anschließend zu reparieren. Das ist nicht nur teuer und ressourcenintensiv, sondern für Betroffene oft mit vermeidbarem Leid verbunden.

Mit dem Einzug Künstlicher Intelligenz steht die Medizin vor einem Paradigmenwechsel:

  • Prädiktive Diagnostik: KI-Systeme erkennen Muster in Biomarkern und Vitaldaten lange bevor ein Mensch Symptome zeigt.
  • Proaktive Gesundheit: Der Schwerpunkt verlagert sich von der Heilung akuter Krankheiten hin zur langfristigen Erhaltung der Gesundheit.
Traditionell:   Symptom  ───────────> Diagnose ───────────> Therapie (Reparatur)
Zukunft mit KI: Datenanalyse ───────> Risikoprognose ─────> Prävention (Vorbeugung)

2. Der Digitale Zwilling: Testlauf am virtuellen Ich

Eine der spannendsten Technologien in Nemats Vision ist der Künstliche bzw. Digitale Zwilling. Dabei handelt es sich um ein hochkomplexes, datenbasiertes Abbild der individuellen menschlichen Biologie.

An diesem virtuellen Modell lassen sich Krankheitsverläufe oder die Wirkung von Medikamenten risikofrei simulieren:

  • Welche Ernährung senkt das individuelle Entzündungsrisiko am effektivsten?
  • Wie reagiert der Körper auf eine spezifische Krebstherapie, bevor die erste Infusion fließt?

Durch solche Simulationen wird Medizin erstmals wirklich personalisiert – weg von Pauschaltherapien, hin zu maßgeschneiderten Präventionsstrategien.

Björn Degenkolbe beschreibt in Folge 86 unseres Podcasts IT-Tacheles die Ausgangslage: bis zu vierhundert patientendatenführende Systeme pro Klinik, manche mit API, manche ohne – und manche verschicken noch ein Fax.

3. Die Schattenseiten: Überdiagnostik und das Gefühl permanenter Bedrohung

So vielversprechend die Technologie klingt: Wie Nemat im SZ-Magazin-Interview mit Sarah-Maria Deckert (1. September 2026) betont, bringt der Dauerzustand der Datenanalyse auch neue Belastungen mit sich.

ChancePotentielle Gefahr
Frühzeitige Erkennung von RisikofaktorenGläserner Patient: Dauerhafte Selbstüberwachung erzeugt Unsicherheit und Stress.
Risikofreie Simulation von TherapienÜberdiagnostik: Nicht jedes digitale Risiko führt zwangsläufig zu einer echten Erkrankung.
Entlastung des Personals durch AutomatisierungZwei-Klassen-Medizin: Ungleicher Zugang zu teuren High-Tech-Präventionssystemen.

Wenn wir jeden Tag aufs Neue von Algorithmen gesagt bekommen, welche Risiken in uns schlummern, läuft die Menschheit Gefahr, sich permanent als „potenziell krank“ zu definieren.

4. Mehr Zeit für das Menschliche? Die neue Rolle der Ärzte

Ein zentraler Punkt im Diskurs um KI in der Medizin ist die Sorge, Algorithmen könnten den menschlichen Arzt ersetzen. Nemat sieht darin jedoch eine Chance: Wenn die KI die Analyse riesiger Datenmengen übernimmt, gewinnen Ärztinnen und Ärzte Freiraum zurück.

  • Algorithmen übernehmen: Mustererkennung, Bildauswertung, Datenabgleich.
  • Menschliche Ärzte fokussieren sich auf: Empathie, Aufklärung, emotionale Begleitung und gemeinsame Entscheidungsprozesse.

Die Grundvoraussetzung: Das Gesundheitssystem darf diesen Zeitgewinn nicht nutzen, um Prozesse rein ökonomisch weiter zu verdichten, sondern muss den Raum für die menschliche Arzt-Patienten-Beziehung gezielt schützen.

Fazit: Die Zukunftsaufgabe für Gesellschaft und Technik

Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, das Leiden von Millionen Menschen zu reduzieren und das Konzept des „Patientenseins“ grundlegend zu verändern. Doch der Schlüssel zu einer besseren Medizin liegt nicht allein in klügeren Algorithmen.

Wir müssen als Gesellschaft entscheiden, wie wir mit unseren Gesundheitsdaten umgehen wollen, wie wir Barrierefreiheit garantieren und wie wir sicherstellen, dass bei aller Technologie das Wichtigste nicht verloren geht: die Menschlichkeit.

Das hat auch Dr. Alena Buyx besser formuliert als ich es könnte. Sie ist Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der TU München und war von 2020 bis 2024 Vorsitzende des Deutschen Ethikrats – und ich schätze sie so, weil sie nie bei der Warnung stehen bleibt:

„Gesundheitsdaten bergen ein enormes Potenzial für das Patientenwohl, wenn sie nur genutzt werden können.“

Damit das möglich werde, brauche es nicht weniger Datenschutz, sondern – ihre Worte – „dessen bessere Umsetzung“.

Wir streiten fast immer über das Prinzip: Datenschutz gegen Datennutzung. Alena Buyx verschiebt den Streit auf die Umsetzung. Und damit ist es keine Ethikfrage mehr, sondern eine Architektur- und Organisationsfrage.

Also unsere.

Quellen

Das Buch: André T. Nemat: Der letzte Patient – Warum wir in Zukunft nicht mehr krank werden müssen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2026, erschienen am 2. September 2026. Website zum Buch: derletztepatient.de

Das Interview, aus dem ich zitiere – Interview mit André T. Nemat. In: SZ-Magazin, 1. September 2026 (kostenpflichtig): sz.de/li.3537726

Der Podcast: IT-Tacheles Folge 86 – „KI im Gesundheitswesen: Von der AS/400 zur intelligenten Versorgung“. Volker Gruhn im Gespräch mit Björn Degenkolbe, Gründer der Health Innovators Group. Alle Folgen: adesso.de/podcast

Alena Buyx zu Gesundheitsdaten: Die Aussagen stammen von einer Diskussionsveranstaltung des Deutschen Ethikrats, berichtet in der Ärzte Zeitung vom 21. März 2023: aerztezeitung.de